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Meine Vergangenheit: Essstörung und wie sie mich heute beeinflusst

Sarah Kothera

Heute kommt mal ein persönlicher Blogpost online, wo ich über meine Essstörung, die ich vor etwas mehr als 11 Jahren hatte, und wie es mir jetzt damit geht, schreiben möchte.

Wie die Essstörung begann

Als die Essstörung bei mir anfing, war ich 11 oder 12 Jahre alt, mollig und noch dazu eine Außenseiterin. Jahrelang schon hasste ich meinen Körper – angefangen hat es folgendermaßen: 3-4 Jahre bevor die Essstörung ausbrach, machten wir einen Klassenausflug und waren wandern. Es schien die Sonne, deswegen trug ich ein etwas kürzeres Top, bei dem man meinen Bauch sehen konnte. Plötzlich zeigte ein Klassenkamerad mit dem Finger auf mich und sagte „Schaut euch mal Sarahs dicken Bauch an!“ und alle anderen haben gelacht. Wisst ihr wie schrecklich dieses Gefühl war? Von allen angeglotzt und dann auch noch ausgelacht zu werden? Hilflos zu sein? Sich wie ein Alien zu fühlen? Diesen Moment konnte ich bis heute nicht vergessen. Ich stand da, fühlte mich entblößt, traurig und wusste nicht was ich tun soll. Da war ich 8-9 Jahre alt.

In jeder Zeitschrift lächelten mir wunderschöne und vor allem dünne Models entgegen. Ich wollte genau so aussehen wie sie. Klar schnappte ich auch auf, dass diese besagten Models sehr wenig essen, um so auszusehen wie sie eben aussehen. Es begann damit, dass ich mich weigerte Süßigkeiten zu essen – nicht mal bei Familienfeiern aß ich ein winziges Stück Kuchen.

An meinem 12. Geburtstag wurde ich krank. Mich erwischte eine Lungenentzündung, die mich 3 Wochen lang flach legte. Ich hatte absolut keinen Hunger und aß somit ziemlich wenig. Als ich wieder gesund war und in den Spiegel blickte, bemerkte ich, dass ich ziemlich viel abgenommen hatte. So kam der Stein schlussendlich ins Rollen. Ab diesem Zeitpunkt reduzierte ich mein Essen auf ein Minimum und trank so wenig wie möglich, damit mein Bauch ja nicht zu voll oder dick aussah.

Ich fing an wie eine Verrückte Sport zu machen – an manchen Tagen habe ich fast 12 Stunden lang Eye Toy (ein Spiel auf der Playstation 2, bei dem man sich viel bewegen muss) gespielt, damit ich so viel wie möglich abnehme. 12 Stunden! Wenn ich heute darüber nachdenke, finde ich keine Worte dafür. Es schockiert mich einfach nur.

Meine Gedanken kreisten ständig darüber, ob ich dieses oder jenes überhaupt essen oder trinken soll, weil ich ja nicht dick werden bzw. aussehen will. Ich kann mich noch an einen Tag erinnern, an dem in der Schule Fotos gemacht wurden. Ich habe extra nichts gegessen und getrunken, damit ich so dünn wie möglich darauf aussah.

Sarah Kothera Essstörung

Oder als ich auf die Geburtstagsfeier meiner damaligen besten Freundin ging – ich hatte Durst, aber extra nur so viel wie nötig getrunken, damit mein Bauch flach blieb. Ich habe sogar meine Mama gefragt, ob ich eh nicht zu dick aussehe – dabei hatte ich nicht mal mehr ein Gramm Fett an meinem Körper.

Was mich sehr traurig macht ist, wie sehr ich meinen Körper damals gehasst habe, wie gestört meine Selbstwahrnehmung war und vor allem welche furchtbaren Gedanken in meinem Kopf kreisten. Irgendwann habe ich mir eingebildet, dass ich total breite Hüften habe und war dadurch so unglücklich, dass ich sogar mit dem Gedanken spielte, ob mein Leben damit überhaupt lebenswert ist. Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, ob es nicht besser wäre, nicht mehr am Leben zu sein – ist das zu fassen? Da war ich höchstens 12 Jahre alt!

Ich erinnere mich noch an den Moment, als mir meine Mama sagte, dass sie mich in ein Krankenhaus stecken wird, wenn ich nicht wieder anfange mehr zu essen. Kurz darauf fuhr ich mit meinem Papa auf Urlaub nach Italien. Wir hatten Halbpension gebucht und mussten beim Frühstück schon ankreuzen, was wir am Abend essen wollten. Die Portionen waren so riesig, dass ich meinen Augen nicht traute – so viel wollte ich doch gar nicht essen. Das „Gute“ war, dass ich mich nie traute etwas übrig zu lassen und aß so viel ich konnte. Ich weiß nicht warum, aber nach diesem Urlaub fing ich wieder an, normal zu essen.

Doch damit war es nicht vorbei. In der Schule wurde ich beliebter und bekam Aufmerksamkeit und Bewunderung, weil ich so viel essen konnte wie ich wollte ohne zuzunehmen. Plötzlich machte ich genau das Gegenteil – ich stopfte mich voll um Bewunderung zu erlangen.

Natürlich konnte ich nicht ewig Unmengen an Kuchen, Pizza und dem anderen ungesunden Zeugs essen, ohne zuzunehmen. Um die Geschichte kurz zu fassen: es war ein ständiges hin und her. Einmal hatte ich mehr auf den Rippen und dann wieder weniger. Ich fiel aber glücklicherweise nicht mehr in das Loch, in das ich ein paar Jahre vorher gefallen bin und habe versucht mein Gewicht zu halten, indem ich gesünder aß und Sport gemacht habe.

Wie geht es mir heute damit?

Jahrelang hatte ich keine Angst vorm „zu viel“ Essen und es ging mir gut. Ich dachte, ich sei diesem Teufelskreis entkommen und werde mit Sicherheit nie wieder einen Rückfall haben. Denkste – zu meiner Verwunderung war ich vor Kurzem fast wieder drauf und dran, in das selbe Muster zu fallen.




Dadurch, dass ich Muskeln auf- und Fett abbauen möchte, habe ich meine Ernährung ein bisschen umgestellt und muss durch den höheren Fettanteil logischerweise weniger essen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich nicht mehr so aufgebläht war, als vorher, wo ich mehr gegessen habe.

Mir ging es in den letzten Wochen psychisch nicht so gut und das hat sich wiederum auf meinen Magen geschlagen. Als dann auch das Wetter so warm war, hatte ich gleich noch viel weniger Hunger.

Zu dieser Zeit habe ich also generell schon mal sehr wenig gegessen und zudem Mahlzeiten teilweise aus Faulheit und teilweise aus „Angst“, wieder wie ein Ballon auszusehen, ausgelassen. Umso weniger ich aß, umso weniger Probleme hatte ich mit einem aufgeblähten Bauch. Irgendwann schlichen sich Gedanken in meinen Kopf, die mir sagten, dass ich weniger essen sollte, wenn ich endlich bzw. schneller Ergebnisse sehen möchte. Um ehrlich zu sein, waren mir diese Gedanken nicht mal wirklich bewusst.

Erst, als mir eine Freundin geschrieben hat „Du hörst dich ja wie eine Essgestörte an.“, begann ich nachzudenken. Dieser Satz brannte sich so in meinen Kopf ein und ich habe sehr lange darüber nachgedacht wie es überhaupt so weit kommen konnte. Ich war richtig erschrocken, als ich die Parallelen erkannte und mir eingestand, dass ich wieder die gleichen Gedanken wie vor über 11 Jahren hatte. Diesmal habe ich die Notbremse rechtzeitig gezogen. Ich will mich nicht von solchen dummen Gedanken beherrschen lassen – tief in mir weiß ich ja, dass ich mit gesunder Ernährung und Sport meinen Traumkörper erreichen kann. Und ich weiß, dass ich mir meinen Stoffwechsel ganz bestimmt nicht ruinieren will – ich möchte einfach nur gesund und fit sein, aber nur nicht um jeden Preis.

Derzeit arbeite ich also wieder verstärkt daran, mich nicht von diesen negativen Gedanken beherrschen zu lassen und rufe mir immer wieder ins Gedächtnis, dass hungern nichts bringt und ob ich denn vergessen habe, wie gerne ich esse. Es ist ein täglicher „Kampf“, der sich in meinem Kopf abspielt, den ich auf jeden Fall gewinnen will und werde.

Wenn es euch genauso geht, dann lasst euch bitte nicht unterkriegen und ruft euch immer wieder ins Gedächtnis, wie wichtig essen für unseren Körper und die Psyche ist. Kämpft dagegen an. Ihr seid viel stärker als ihr denkt und könnt diesem Teufelskreis entkommen!

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